Friedensbewegungen und Kriegserinnerungen: Deutschland im europäischen Kontext
Dieser Essay bietet eine vergleichende Analyse (west-)deutscher Friedensbewegungen mit jenen anderer westeuropäischer Länder seit 1945. Er konzentriert sich dabei insbesondere darauf, wie die Friedensbewegungen Fragen von Frieden und Krieg diskutierten und jeweils auf die politische Kultur Bezug nahmen. Der Beitrag argumentiert, dass die Stärke deutscher Friedensbewegungen in Beziehung zur politischen Kultur der Bundesrepublik keine Ausnahme darstellt. Organisationshistorisch betrachtet, erscheint vor allem die französische Friedensbewegung als Besonderheit, da sie sich während des Kalten Krieges nie wesentlich ausserhalb des Kontexts der Politik der Kommunistischen Partei entwickelt hat. Was die bundesdeutsche Friedensbewegung dagegen auszeichnete, war ihre Bezugnahme auf die Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkrieges und insbesondere des Holocaust – Friedensbewegungen fungierten in der Bundesrepublik mehr als anderswo als Erinnerungsbewegungen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die gegenwärtig besonders kontrovers geführte Kontroverse über Frieden und Krieg in der Bundesrepublik allenfalls oberflächlich aus der besonderen Rolle von Frieden in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Vielmehr speist sich die Kontroverse daraus, welche Rolle die Erinnerung an die Gewalt des Zweiten Weltkriegs für das bundesdeutsche Staatsverständnis gespielt hat.